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Winterblues - Darf das sein?

zuletzt geändert am 02.10.2022


Es ist schon ein paar Jahre her, als ich beobachtete, dass ich mit Beginn der kalten Monate nicht mehr so einfach an meine Trainingserfolge des zurückliegenden Sommers anknüpfen konnte.

Ich wollte den gefühlten Einbruch aber nicht hinnehmen. Trotzdem ging es im Training schlechter voran. So fielen geplante Einheiten aus, die Trainingszeit wurde kürzer, die Intensität nahm ab oder ich brach sogar Trainigs ab, weil mir einfach die Lust fehlte.

Das Verhalten passte jedoch ganz und gar nicht in meine Prägung. Gewissensbisse plagten mich, denn meine auftrainierten Erfolge gingen sogar zurück. Was war nur geschehen? Ich fragte mich wirklich, ob alles in Ordnung ist und zwiefelte sogar an meiner unbändigen Willenskraft.

Die Wissenschaft ist noch unschlüssig

Ein paar Jahre später war ich mir aber sicher, es muss am Biorhythmus liegen. Als gesundheitsorientierter Mensch und Personal Trainer nahm ich also die Recherche auf und fragte mich, ob das vielleicht mit der sogenannten Winterdepression zu tun hat? Eine Winterdepression zeigt sich atypisch zu einer nicht-saisonalen Depression. Das Körpergewicht wird auf- statt abgebaut, der Appetit steigt statt zu sinken und es gibt eine vermehrte Schlafneigung statt Schlafstörungen.

ist das vielleicht ganz normal?

Während die Wissenschaflter noch nach dem genauen Grund suchen, werfen wir gemeinsam einen Blick in die Tierwelt in unseren Breitengraden. Tiere bereiten sich auf den Winter vor, indem sie deutlich Gewicht zulegen und sogar Winterschlaf halten bzw. ihre Aktivitäten herunterfahren.

Warum also nicht auch wir Menschen? Und wie war das noch mit unseren Vorfahren? In einer Zeit, als es noch keine Maschinen gab, die Tag und Nacht liefen, kein Kunstlicht, keinen Energieüberfluss und keine Schichtarbeit?

Als die Tage kürzer wurden, wurden damit die Aktivitäten automatisch eingeschränkt. Der zunehmende Appetit half mit Ende der Fruchtphase im Herbst, überlebenswichtige Fettreserven anzulegen für den kalten und kargen Winter.

Winterblues ist keine Krankheit

Das, was ich jedes Jahr immer wieder aufs Neue auch bei meinen treuen Kunden beobachte, gleicht also keiner wirklichen Depression. Es ist keine Krankheit und es hat schon lange nichts mit Willensschwäche zu tun. Es ist der ganz normale Rhythmus der Jahreszeiten, den wir alle in uns tragen, wie eine innere Uhr und sie wird gestellt über das Tageslicht.

Werden die Tage kürzer, aktiviert das reduzierte Tageslicht unser Hormon-Energiesparprogramm. Es wird nachweislich weniger Serotonin (Stimmungshormon) und mehr Melatonin (Schlafhormon) ausgeschüttet. Botenstoffe für unser Energielevel. Ein überlebenswichtiger Mechanismus im Winter, der nur in unserer heutigen Zeit inakzeptabel wirkt, weil wir gelernt haben, immer gleich zu funktionieren, Sommer wie Winter, wie all die Maschienen, die wir betreiben.

Die Lösung darf akzeptabel sein

Was aber, wenn noch 10 Kilo runter müssen oder der nächste sportliche Erfolg ungeduldig macht, trotz Kälteeinbruch? Die Lösung ist meiner Erfahrung nach ganz einfach: Akzeptieren der menschlichen Natur.

Den Biorhythmus darf man als gegeben hinnehmen. Er lässt sich nicht ausschalten. OK: Manipulieren schon. Eine Therapieform ist es, morgens helles Licht in die Augen zu streuen (Lichttherapie). Dann geht´s vielleicht doch noch weiter in der Zeit, wo alles ruhen und regenerieren kann.

Ohne Zwang weiter machen

Eines ist sicher: Mit Willenkraft und Zwang lassen sich die Hormone nur kurzzeitig überlisten und das Ergebnis wird Frust sein, denn die Willenskraft kann als Muskel verstanden werden, der ebenfalls erschöpft bei andauernder Anstrengung. Zudem verstärken harte Zwänge den Wunsch nach einem Ausbruch daraus.

Der Versuch, sich in den kalten Jahreszeiten jeden kleinen Rückschritt zu verbieten, erhöht also gleichzeitig den Erschöpfungsgrad, wie Hirnforscher schon längst wissen, was dann in eine wirkliche Depression münden könnte.

Wie ich das Ganze angehe

Ich nehme mir in der Ruhephase der Natur nun keine neuen Rekorde vor, bleibe aber in meiner Trainingsroutine. Ich akzeptiere, dass ich in Maßen zulegen werde, lasse es aber nicht ausufern und gehe einfach früher ins Bettchen.

Ich mache das alles in der Gewissheit, mir schon im Frühjahr mit dem Sog einer Hormonrakete die nächsten Erfolge sichern zu können, denn irgendwas blieb in der Winterzeit immer hängen. Das habe ich gelernt.

Und jetzt genieße ich die Zeit der Ruhe, trainiere entspannter, kürzer, nicht so intensiv. Das kann sogar motivieren, weil es mir den Druck nimmt, ständig besser zu werden. Und ich freue mich über die Speisen in der Erntezeit und bin nicht mehr der Meinung, dass etwas mit mir nicht stimmen kann.

Autor: Andreas Stübs

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